Die 12-Uhr-Regel ist da – und die Tankstellen haben sich vorbereitet

Seit heute Nacht um 0:00 Uhr gilt sie: die neue Kraftstoffpreisregel, die Tankstellen verpflichtet, Preiserhöhungen ausschließlich um 12:00 Uhr mittags durchzuführen. Senkungen sind weiterhin jederzeit erlaubt. Der erste Tag hat gezeigt, wie gut sich die Branche auf diesen Moment vorbereitet hatte – und zwar nicht erst heute Nacht.

Der Tag davor: Preise auf Anschlag

Wer gestern, am 31. März, getankt hat, hat das zu ungewöhnlich hohen Preisen getan. Die Auswertung zeigt es schwarz auf weiß: Am Vortag gab es bis 12:05 Uhr satte 54.924 Preisänderungen allein bei Aral – davon 18.316 Erhöhungen. Shell kam auf 40.068 Änderungen mit 10.800 Erhöhungen, Esso auf 33.414 mit 12.056 Erhöhungen.

Das ist kein Zufall. Die Strategie dahinter ist simpel: Wer am Abend vor dem Regelstart die Preise so hoch wie möglich hält, hat ab Mitternacht mehr Spielraum nach unten – und damit mehr Luft für die Pflichterhöhung, die heute um Punkt 12 Uhr kommt. Je tiefer man morgens fällt, desto beeindruckender wirkt der „günstige" Tagespreis vor 12 – und desto mehr lässt sich um 12 Uhr wieder draufschlagen.

Heute Nacht und Morgen: Das große Absenken

Ab Mitternacht lief das erwartete Programm ab. Die Preise sanken kontinuierlich – und das war diesmal nicht nur Routine, sondern Pflichtprogramm: Erhöhungen waren bis zur Mittagsstunde verboten. Diesel fiel von 2,348 € um Mitternacht auf 2,301 € kurz vor 12 Uhr, Super E5 von 2,207 € auf 2,157 €, E10 von 2,152 € auf 2,099 €. Das klingt nach einem guten Deal für Verbraucher – und war es auch, verglichen mit dem Nachmittag. Verglichen mit einem normalen Dienstag vor einem Jahr ist das Niveau aber keineswegs niedrig.

Der stärkste Senkungsschub lief zwischen 5 und 9 Uhr: In der Stunde ab 5 Uhr wurden über 4.000 Senkungen registriert, ab 8 Uhr sogar über 21.000. Ab 10 Uhr verlangsamte sich das Tempo spürbar – viele Stationen hatten ihr Tief erreicht und warteten auf Punkt 12.

Dass dennoch 1.683 Erhöhungen vor 12 Uhr registriert wurden, ist ein klarer Regelverstoß – die Regel gilt seit Mitternacht, und Erhöhungen sind ausschließlich um 12:00 Uhr zulässig.

Punkt 12:00 Uhr: Die Welle

Was dann passierte, war in seiner Wucht trotzdem beeindruckend. In der Stunde um 12:00 Uhr wurden 35.568 Erhöhungen registriert – bei nur 2.270 Senkungen. Der Durchschnitt pro Erhöhung lag bei rund 9 Cent – je nach Sorte minimal unterschiedlich: Diesel +8,97 ct, Super E5 +9,26 ct, E10 +9,25 ct.

Manche Marken haben dabei deutlich mehr aufgeschlagen als andere. Calpam etwa erhöhte pauschal um satte 25 Cent, die team-Stationen um fast 20 Cent, RAN um über 21 Cent. Das sind Ausreißer nach oben – und sie zeigen, dass es kein einheitliches Marktniveau gibt, sondern jede Kette ihre eigene Strategie fährt.

Aral hält sich zurück – und das fällt auf

Besonders auffällig ist das Verhalten von Aral, dem größten deutschen Tankstellennetz mit über 2.150 Stationen. Die Erhöhung um 12 Uhr lag im Schnitt bei nur 5,85 Cent – damit ist Aral das zurückhaltendste der großen Netze. Shell erhöhte im Schnitt um 7,99 Cent, Esso um 12,24 Cent, Avia sogar um 13,26 Cent.

Das bedeutet nicht, dass Aral besonders günstig ist. Das aktuelle Preisniveau liegt bei 2,389 € für Diesel und 2,255 € für Super E5 – im oberen Mittelfeld des Marktes. Was Aral aber offensichtlich tut: Die Marke setzt auf ein gleichmäßigeres Preisniveau statt auf dramatische Schwankungen. Das wirkt moderater – und dürfte auch der Außendarstellung nützen.

Regelverstöße: 100 Stationen erhöhten trotzdem

Nicht alle haben sich an die neue Regel gehalten. Erhöhungen sind ausschließlich um 12:00 Uhr erlaubt – jede Erhöhung zu einem anderen Zeitpunkt ist ein Verstoß. Nach Abzug schneller Korrekturen – wer innerhalb von 30 Minuten erhöht und dann wieder gesenkt hat, wird nicht gewertet – bleiben 100 Stationen mit echten Netto-Erhöhungen übrig. Insgesamt 1.683 unzulässige Erhöhungen wurden registriert.

Die clevere Umgehung: Erhöhen, wenn niemand schaut

Eine besonders bemerkenswerte Praxis haben einige Stationen entwickelt, die man als „Ankerpreis-Strategie" bezeichnen kann. Das Prinzip: Kurz vor Mitternacht wurden künstlich hohe Preise in das System eingestellt – zu einer Uhrzeit, zu der die Tankstelle geschlossen ist oder kaum Kunden hat. Dieser hohe Preis dient als Anker, von dem aus dann den ganzen Morgen gesenkt wird – um dann pünktlich um 12 Uhr wieder kräftig erhöhen zu können.

Besonders deutlich zeigt sich das bei den Mr. Wash-Stationen in Düsseldorf, Frankfurt, Essen und Mannheim. Sie meldeten um 08:04 Uhr Preissenkungen von bis zu 55 Cent – obwohl der Betrieb zu dieser Zeit geschlossen war. Im aktuellen Preisniveau taucht Mr. Wash mit 2,771 € für Diesel und 2,626 € für Super E5 weit über dem Marktdurchschnitt auf – Preise, zu denen dort real kein Liter verkauft wird.

Formal ist das nicht verboten. Die Meldepflicht an die Markttransparenzstelle wird eingehalten. Doch der Effekt ist klar: Auf dem Papier wirken die späteren Preise wie ein Schnäppchen – obwohl sie schlicht dem Marktdurchschnitt entsprechen. Ob das Bundeskartellamt hier nachschärft, bleibt abzuwarten.

Ausblick: Was passiert in den nächsten Tagen?

Der erste Tag einer neuen Regel ist immer unruhig. Preissysteme werden nachjustiert, Strategien getestet, Marktreaktionen beobachtet. Was sich in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln dürfte:

Die Ankerpreis-Strategien werden sich verfestigen. Was Mr. Wash und andere heute bereits praktizieren, werden viele Betreiber als Blueprint übernehmen – sofern es keine regulatorische Reaktion gibt. Die Frage, ab wann eine Preismeldung manipulativ ist, obwohl sie formal korrekt übermittelt wird, wird die Behörden beschäftigen.

Das Morgenminimum wird zum neuen Wettbewerbsfeld. Wer am günstigsten in die Pflichterhöhung um 12 Uhr startet, hat die beste Ausgangsposition für preisbewusste Kunden – die Konkurrenz findet künftig in den Morgenstunden statt, nicht mehr am Abend.

Die Höhe der 12-Uhr-Erhöhung wird sich einpendeln. Heute lagen die Aufschläge zwischen 5 und 25 Cent je nach Marke – eine enorme Spanne. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob sich ein Marktstandard von etwa 8 bis 10 Cent durchsetzt, oder ob die Spreizung bestehen bleibt. Letzteres wäre für Verbraucher sogar nützlich: Wer nach 12 Uhr tanken muss, kann zumindest noch zwischen teuren und günstigeren Stationen wählen.

Regionale Unterschiede werden sichtbarer. In ländlichen Gebieten mit weniger Wettbewerb könnte die Regel eine geringere Wirkung entfalten als in Ballungsräumen – das werden die Daten der nächsten Wochen zeigen.

Eines ist schon jetzt klar: Die Tankstellen haben sich auf die 12-Uhr-Regel vorbereitet – manche sehr gründlich, manche auf Wegen, die der Gesetzgeber vermutlich nicht im Sinn hatte. Für dich als Fahrer gilt bis auf Weiteres: Wer vor 12 Uhr tankt, liegt fast immer richtig.